Schön oder richtig singen?

Singen mit einem Bezugston verbessert die Intonation

Im Idealfall singen wir „schön“ und „richtig“. Eine volle, tragende Stimme empfinden wir meist als schön. Eine „schöne“ Stimme kann aber trotzdem „falsch“ singen. Der Vorwurf „Du singst falsch!“ hat schon so manche verletzt. Muss das sein?

„Falsch singen“

bedeutet, dass der Betreffende keine angemessene Relation zwischen aufeinanderfolgenden Tönen findet. Ausserdem findet er keine stimmige Relation zwischen seinen eigenen Tönen und anderen Sängern oder Instrumenten. Der „Falschsänger“ kann im ungünstigsten Fall nicht einmal einen einzigen Ton nachsingen, den man ihm vorsingt oder vorspielt.

„Richtig singen“

ist erlernbar. Wir sind lebenslang lernfähig – das gilt auch fürs Singen. Der Hirnforscher Gerald Hüther meint: „Singen ist die beste feinmotorische Übung, die es gibt“. Auch „falsch singen“ tut uns gut, weil Atmung und Körper in Schwung kommen. „Richtig singen“ leistet mehr: die Suche nach dem richtigen Ton aktiviert unser Gehirn,  der schöne Klang lässt unser Belohnungszentrum anspringen.

Von Geburt an sind wir umgeben von Rhythmus, Ton und Klang, und das Gespür für die Relationen zwischen Tönen ist uns in die Wiege gelegt. Üben müssen wir trotzdem: ob beim Singen, Jonglieren, Radfahren oder Schachspielen führt nur eine Kombination aus Fleiß und Begabung zur Meisterschaft.

Intervalle

sind die Relationen zwischen Tönen. Zwei Töne gelten musikalisch als gleich, wenn ihre Grundschwingung gleich ist. Das wird in der Sprache der Musiker „Prime“ oder „Einklang“ genannt. Wenn Frauen und Männer die „gleiche“ Melodie singen, sind die Frauenstimmen meist eine „Oktav“ höher. Physikalisch heißt das, dass Töne der Frauen doppelt so schnell schwingen wie die der Männer. Interessant: Melodien im Oktavabstand werden weltweit als gleich empfunden. Der Raum zwischen den Oktaven wird je nach Musikkultur verschieden unterteilt.

Das Geheimnis guter Chöre

Gute Chöre klingen „magisch“. Die Sängerinnen und Sänger eines guten Chores haben ein feines Gespür dafür, wo die Töne „einrasten“. Der Chor überzeugt dann durch gute Intonation, und es stellt sich die „wohlige Gänsehaut“ ein. Schon eine einzige Stimme mit unsauberer Intonation kann die Magie zerstören. Noch schlimmer ist es, wenn ein ganzes Stimmfach „nebendran“ liegt: „Ihr müsst die Terz in Takt vierzehn höher nehmen!“ ereifert sich der Chorleiter, spielt die Stelle noch einmal vor oder singt verzweifelt mit.

Gute Intonation

ist das Ergebnis von Begabung und Fleiß. Das Gespür für musikalische Intervalle lässt sich schulen, bei Begabten geht es schneller. Übungen mit einem Bezugston sind besonders wirkungsvoll. Der Bezugston ist sozusagen der Boden, auf dem Sie gehen oder stehen. Die gute Nachricht: Wenn Sie einmal gespürt haben, wie es sich anfühlt, wenn ein Intervall „einrastet“, werden Sie für alle Zeit wissen, wonach Sie suchen.

Üben mit Bezugston

ist vor allem in der Anfangsphase musikalischen Lernens sinnvoll. Auch bei schwierigen Passagen ist der Bezugston eine unschätzbare Hilfe. Für Ihre Übungen brauchen Sie also zunächst unbedingt einen Bezugston. Später können Sie den Bezugston auch innerlich hören und Ihre Melodien zu diesem in Beziehung setzen. Nur wenn Sie mit einem Bezugston üben, können Sie fühlen lernen, wo die Intervalle Ihrer Melodie „einrasten“.

Bezugston – woher nehmen?

Lassen Sie Ihre Fantasie spielen. Ein stehender Ton von Orgel, Keyboard, Cello, Srutibox oder Synthesizer, ein repetierender Ton von Klavier, Gitarre, Tambura oder Berimbao – all das funktioniert. Selbst Trommeln haben einen Grundton, der allerdings sehr schnell ausklingt. Menschliche „Sparringspartner“ sind für die Lernphase weniger geeignet, weil sich die Sänger gegenseitig beeinflussen. Für unterwegs habe ich noch eine andere Lösung. CD Roots - Bernd Michael Sommer 2007

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Die Übungen mit einem Bezugston verfeinern Ihr Gehör.
Ihr Vertrauen in Ihre musikalischen Fähigkeiten steigt.

Viel Erfolg!
Ihr Bernd Michael Sommer