Musikpädagogik in der Krise

Der 4. Bundeskongress Musikunterricht soll die Situation verbessern

Prof. Dr. Ortwin Nimczik, Präsident des Bundesverbandes Musikunterricht, sieht die Musikpädagogik in einem schlechten Zustand. Der 4. BUNDESKONGRESS Musikunterricht in Hannover, 26.–30. September 2018, soll die Situation verbessern.

In einem Interview des Bayrischen Rundfunks bestätigt der rührige Musikprofessor den Handlungsbedarf im Bereich musikalischer Bildung. Ich stimme ihm weitgehend zu. Der Bayrische Rundfunk stellt jedoch die falsche Kernfrage. Hier mein Brief an Prof. Nimczik:

Sehr geehrter Herr Nimczik,
gerade habe ich Ihr Interview gehört und stimme Ihnen in den meisten Punkten zu. Der Mangel an elementaren musikalischen Fertigkeiten in unserem Land macht auch mir Sorge. Den drohenden „Kulturverlust“, den Klaus Florian Vogt im gleichen Artikel beklagt, sehe ich auch.

Als Kernfrage für den Musikunterricht in der allgemeinbildenden Schule wird im Beitrag des Bayrischen Rundfunks formuliert: „Wie kann der Musikunterricht attraktiv gestaltet werden?“. Diese Frage ist wichtig, aber nachgeordnet. Die Kernfrage müsste lauten: „Was sind die Ziele des Musikunterrichts, und wie erreichen wir diese Ziele?“

Mein Vorschlag: Nach vier Jahren Grundschule sollte jedes normal begabte Kind in der Lage sein, eine einfache Tonfolge mit präziser Rhythmik und sauberer Intonation singen zu können und eine Tonfolge lesen und aufschreiben zu können.

Diese Fertigkeit lässt sich am besten schulen, indem man sich an Universalien der Musikwahrnehmung orientiert, die ich Ihnen als Kollegen nicht vorstellen muss. Mit geeigneten Methoden lässt sich die Musikalität in allen zum Leben erwecken – ich habe es mit vielen Kindern und Erwachsenen mit Erfolg ausprobiert.

Gehörbildung und musikalische Alphabetisierung in der Grundschule täte not. Dabei müssen wir die Kinder nicht ständig fragen, ob Ihnen das Spaß macht; das tun wir beim Lesen, Schreiben und Rechnen auch nicht. Es ist gut, dass wir bestimmte Kulturtechniken als relevant definieren und die Kinder verpflichten, diese zu lernen. Das könnten wir auch im Fach Musik tun: mit zwölf Intervallen und zwanzig rhythmischen Grundbausteinen wären wir auf der sicheren Seite. Beim Spiel mit diesem musikalischen Alphabet käme der Spaß von alleine – wenn die Kinder von kompetenten Musiklehrern angeleitet würden.

Inhalte, die für die Musikerfahrung sekundär sind, gehören aus dem musikalischen Lehrplan verbannt. Die Lebensdaten großer Musiker oder das Wissen darüber, zu welcher Instrumentenfamilie die Violine gehört, sind zwar nicht unwichtig, aber für die musikalische Erfahrung belanglos.

Ich bemühe mich seit einiger Zeit darum, den Musikunterricht speziell in der Grundschule zu verbessern – mit mäßigem Erfolg. Die Verlage, mit denen ich in Kontakt stand, beklagen vor allem: 1. der Musikunterricht hat einen zu geringen Stellenwert und 2. das Lehrpersonal beherrscht das musikalische Handwerk nicht.

Umso dankbarer bin ich Ihnen dafür, dass Sie die Politik immer wieder daran erinnern, wie wichtig Musik für uns alle ist. Und dass wir für die Schulen die Besten brauchen.

Mit freundlichem Gruß
Bernd Michael Sommer

Ich bin gespannt auf die Rückmeldung. Jedenfalls hoffe ich, dass der Bundeskongress 2018 in Hannover dazu beiträgt, den Stellenwert des Faches Musik bei Politikern, Lehrern, Eltern und Schülern zu erhöhen. Statt sich den Schülern anzubiedern, zur Bespaßungsinstitution zu verkommen und Konsumhilfen für kommerziell-populäre Musik zu geben, sollte sich die schulische Musikerziehung lieber auf die Vermittlung grundlegender Inhalte und Kompetenzen besinnen.

Meinen Sie nicht auch?
Ihr Bernd Michael Sommer