Gleichstufige Stimmung

Unterteilung der Oktav in 12 gleiche Abschnitte - Segen oder Fluch?

Orgel mit drei Manualen

Die gleichstufige Stimmung

(= gleichstufig-temperierte Stimmung) ist die heute gebräuchlichste Stimmung für Instrumente mit zwölf festen Tonhöhen. Sie unterteilt die Oktav in zwölf mathematisch gleiche Stufen.

Diese Stimmung hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil besteht darin, dass ALLE Tonarten erträglich klingen; dadurch sind Tonartwechsel problemlos möglich. Der Nachteil besteht darin, dass jeder einzelne Ton ein wenig “daneben” liegt: die Schwingungsverhältnisse der Intervalle sind komplexer, als wir sie singen würden. Wenn ein Tasteninstrument in einer bestimmten Tonart rein gestimmt ist, klingen die anderen Tonarten falsch – wie sie oben gehört haben.

Die zwölf verschiedenen Tonhöhen eines Klaviers sind also nur Annäherungen an intonatorisch perfekte Töne. Diese Annäherung ist bei Instrumenten mit festen Tonhöhen unumgänglich, weil ihnen die intonatorische Flexibilität der Stimme oder Violine fehlt.

Im Lauf der Jahrhunderte haben wir uns an die von Bach und seinen Zeitgenossen durchgesetzte gleichstufige Stimmung gewöhnt: wir nehmen die Intonationsfehler von Instrumenten mit zwölf festen Tonhöhen kaum noch wahr.

Die gleichstufige Stimmung hat uns unbegrenzte harmonische Möglichkeiten geschenkt und dafür die reine Intonation geopfert. Die gleichstufige Stimmung ist also Segen und Fluch zugleich: sie ist optimal, aber nicht perfekt.

Durch bestimmte Übungen mit Singstimme und Klavier, Orgel oder Gitarre kann man lernen, eine Brücke zwischen der gleichstufigen Stimmung und der perfekten Intonation zu schlagen. Die Singstimme gleicht durch ihre flexible Intonation die Fehler der gleichstufigen Stimmung aus.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Experimentieren mit der musikalischen und sonstigen Stimmungen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass musikalische Bildung not tue.

Ihr Bernd Michael Sommer